Ansprache am 21.7.2008 vor der Gründung des Vereins "Memor Gernsheim" 
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitstreiter und Sympatisantinnen,

wir, die Mitglieder der Initiative Memor, haben uns seit den ersten Aktivitäten zum Jahresende 2006, auf diesen Tag vorbereitet. Dass die Gründungsversammlung auf den heutigen Tag, den 21. Juli 2008 fällt, ist eher Zufall, aber ich wünsche mir, dass das Datum als Zeichen für die zukünftige Arbeit des Vereins steht. Gestern, vor 64 Jahren, am 20. Juli 1944, wagten deutsche Patriotinnen und Patrioten das Äußerste, um die verhasste Hitlertyrannei abzuschütteln, und scheiterten tragisch. Mehrere hundert von ihnen mit Oberst Graf Schenck von Stauffenberg an der Spitze wurden hingerichtet. Geschichtswissenschaftler haben später aus den überlieferten Akten der NS-Schandprozesse die Motive der Widerständler rekonstruiert und fanden sehr verschiedene Gründe, die die Angeklagten nannten: Das militärstrategisch unverantwortliche Abenteurertum Hitlers, das Deutschland zugrunde richten würde und gestoppt werden müsse, aber auch die Massentötung von Zivilisten in den überfallenen Ländern und die verbrecherische Ausrottung von Juden, die geeignet seien, ihre eigene Ehre z. B. als Offizier und die Ehre Deutschlands zu ruinieren.
Heute steht, wie wir wissen, der 20. Juli als ein Datum des Ruhmes. Aber das ergab sich nicht von selbst. Auch die Bewertung dieser Tat und die Einordnung dieses historischen Datums in Deutschland, den beiden Deutschlands, in den differenzierten Bevölkerungsgruppen und -schichten, bei den unterschiedlichen Gruppierungen überlebender Widerständler, in den verschiedenen Jahrgangskohorten und unter den Historikern selbst, die in die verschiedenen politischen Lagern nahestehen. Über die vergangenen 6 Jahrzehnte wird daraus wiederum eine Geschichte, und wiederum Gegenstand historischer Forschung. Grundtenor der Ergebnisse: Die Einstellung, dass der 20. Juli 1944 für uns Deutsche ein Tag des Ruhmes und der Ehre war, hat sich langsam und mühsam gegen zähe Widerstände durchsetzen müssen. Ohne diesen Widerstand gegen den Widerstand gegen den Widerstand wäre das Datum wahrscheinlich heute "kaum der Rede wert", wie das so treffend in sprichwörtlicher Redewendung heißt.

Dies also die lange Einleitung. Denn es geht uns um die Erinnerung an ebendiese Zeit zwischen 1933 und 1945, an die Menschen in Gernsheim und näherer Umgebung, die am Nazi-Unrechtsstaat litten - und darum, dass von ihnen die Rede ist - und bleibt. Die erste Frage ist: Brauchen wir dafür einen Verein? Die zweite Frage, die ich oft während der zurück liegenden Aktivitäten in Gesprächen hörte: Was bringt uns das Beschäftigen mit den alten Geschichten heute noch nach 70 Jahren?
Ich werde im Folgenden versuchen, zu beiden Fragen Antwort-Ansätze zu formulieren: Ja, ein eingetragener gemeinnütziger Verein zu diesem Zweck ist sinnvoll, weil uns die Erinnerung wertvoll ist und weil wir die notwendige gesellschaftliche Arbeit dazu im e. V. sehr viel organisierter und wirksamer einbringen können. Die Erinnerungsarbeit ist sinnvoll und wichtig, weil den Opfern Ehre gebührt und weil Erinnerung den Jüngeren Orientierungsangebote gibt. Sie ist hilfreich für ein gefestigtes staatsbürgerliche Bewusstsein der Heranwachsenden und der Erwachsenen. Denn das demokratisch verfasste Gemeinwesen ist zwar in 6 Jahrzehnten (im neueren Teil der Bundesrepublik seit fast 20 Jahren) zur Normalität geworden, aber nicht selbstverständlich. Vielen scheinen oft genug die langwierigen Instanzenwegen mühselig und frustrierend. Viele fühlen sich von Armut bedroht oder durch gravierende wirtschaftsstrukturelle Veränderungen verunsichert. Wie verlockend, die langwierigen parlamentarischen Debatten, das Hin und Her in den Kammern und Gremien abzukürzen und rigoros durchzusetzen, ja was?? das Wahre, Gute, Schöne gegen das Hässliche und Falsche, das Starke gegen das Schwache, das Unserige gegen das Fremde... (?)

Aus meiner (auch theoretischen) Beschäftigung mit dem schwierigen Gegenstand "Erinnerungskultur in Deutschland" habe ich drei typische Weisen erkennen können, mit dem unseligen, belastenden Erbe nach dem Ende der Nazidiktatur umzugehen. Sie entsprechen den Lebensbedingungen und -erfahrungen dreier nach 1945 erwachsen gewordener Generationen.
Die so genannte "Flakhelfer-Generation", so nennt sie der Soziologe Heinz Bude, gezwungenermaßen in der Hitlerjugend ideologisch verblendet, erlebte das Kriegsende als totalen Zusammenbruch und lernte, dass alle Ideologien von Übel sind: ihre erwachsenen Anverwandten gebrochen, verzweifelt, gefallen, vermisst, vertrieben, verkrüppelt. Jene Frauen und Männer der Jahrgänge 1929 bis 1932, noch nicht mündig im Hitlerreich und deshalb "unschuldig" schworen oft aller Politik ab, fragten nicht nach Schuld noch Sühne - sondern sie legten alle ihre Energie in einen beispiellosen Arbeitsfleiß, ihre Lebenswege wurden Erfolgslaufbahnen, ihnen verdanken wir Heutigen das so genannte Wirtschaftswunder, von dessen Früchten wir bis in die Gegenwart profitieren. Mit heutigen Abstand die Neigung der Aufbaugeneration zum Verdrängen zu kritisieren, wäre selbstgerecht. Und doch ist dies eine typische Weise gewesen, das Ungeheuerliche einfach nicht oder nur "nebenbei" zur Kenntnis zu nehmen. Ihre Söhne und Töchter aber, geboren zwischen 1943 und 1952, kamen ab Anfang der 60er Jahre in die Pubertät. (wir erinnern uns: der Eichmann-Prozess 1961 beschäftigte die Weltöffentlichkeit) Entwicklungsgemäß stellten die Heranwachsenden die Autorität der Eltern und Großeltern in Abrede und erhoben bohrende Fragen nach Verantwortung und Schuld. Besonders in den intellektuellen, gymnasialen und universitären Milieus, entwickelte sich eine ideologisch aufgeladene Atmosphäre, die zum Teil eskalierte und 1968 ihren Höhepunkt hatte. Im Konflikt der Generationen, bei dem die radikalisierten Studenten lautstark den Ton angaben, bestimmte u. a. die unaufgearbeitete Nazivergangenheit die Auseinandersetzung. Er erschütterte die bis dahin wohlstands- und wachstumsbefriedete alte Bundesrepublik, und bis heute sind "Nachbeben" der s. g. 68er-Bewegung zu spüren. Wir verdanken den wilden 68ern einen Schub der Liberalisierung bis in die persönlichsten Lebensbereiche hinein und der produktiven Modernisierung. Die Kinder derer, die als Jugendliche von der 68er Bewegung beeinflusst waren, Menschen der 1970er Geburtsjahrgänge, sie müpften gleichfalls auf als 15- bis 20jährige, also in den 90er Jahren, aber viel, viel leiser und viel weniger kollektiv. Gegen das Über-Ideologisieren, gegen die Nötigung sich in festen Organisationen zu binden. Diese Jugendlichen wollten für sich selbst und für andere Verantwortung übernehmen, aber sie müssen sich als junge Erwachsene einem neuen internationalen Wirtschaftsgefüge stellen; die s. g. Globalisierung verlangt ihnen ab, sich auf ihren Berufsstart in einem schwierigen Arbeitsmarkt zu konzentrieren. Was soll da das Thema aus den Zeiten von Uropa selig? Ein Geschichtslehrstoff wie jeder andere auch, ob Napoleon oder Friedrich der Große. Tragisch, auch interessant, aber weder die nahe stehenden Verwandten noch sie selbst sind unmittelbar betroffen.
Ich war kürzlich in Groß Gerau dabei, wie Mitglieder der Jusos, also politisch wache und interessierte junge Erwachsene, sich zum Thema Nazi-Vergangenheit mit älteren SPD-Mitgliedern austauschten. Von einer "Unterbelichtung" des Themas im Lehrstoff der Hauptschule und teilweise der Realschule berichteten sie, aber vom "Dauerthema" im Gymnasium mit der Gefahr des Überdrusses, vielleicht sind glühende 68er unter den Lehrern? ((meine Anmerkung))
Ich beende jetzt den Exkurs in die Theorie von der Flakhelfer-Generation ff. Ich habe ihn unternommen, um für Respekt zu werben für die einzigartigen Lebenserfahrungen der älteren wie der jüngeren Deutschen. Meine Schlussfolgerung im Sinne der beabsichtigten Vereinsziele lautet,
- dass wir uns erstens fern halten sollten von pauschalen oder gar persönlichen Schuldzuweisungen und verallgemeinernden Verdächtigungen.
zweitens: Wir müssen neue, kreative Arten finden, die Erinnerungsarbeit den Jüngeren nahe zu bringen. Die eingeübte Weise des strengen Mahnens wird vielleicht der Lebenswirklichkeit jüngerer Menschen im Deutschland von 2008 nicht mehr gerecht.

Jetzt komme ich auf Gernsheim zu sprechen. Warum hier in der Schöfferstadt?
Vor 2 Wochen sah ich mich (zum wiederholten Male) in den Ausstellungsräumen des Hauses am Schöfferplatz um. Was lernt ein junger, sagen wir 13-14-jähriger offen-neugieriger Museumsbesucher dort über den Geschichtsabschnitt 1933 bis 1945? Im oberen Geschoss zieht ihn zuerst ein mit lebensweltlichen Details liebevoll gestalteter Treck-Wagen an. Das bittere Schicksal der Heimatvertriebenen wird er wahrscheinlich intensiv nachempfinden. Viele Tafeln, Fotos und dazu eine Heimatstube mit Leseecke und zahlreichen Büchern, Karten und Tafeln vertiefen diesen Eindruck. Bitte missverstehen Sie mich nicht: Ich finde diesen Ausstellungsteil, der die furchtbaren Folgen des Krieges thematisiert, sehr wichtig und dazu hervorragend gestaltet. Was aber war in Deutschland und in Gernsheim los, bevor die Millionen von Deutschen entwurzelt wurden auf der Flucht ums Leben kamen und die Glücklicheren unter ihnen in Gernsheim wieder Fuß fassten? Nur wenn er genauer hinschaut, wird der junge Ausstellungsbesucher die knapp 2m2 Wandfläche entdecken, bepinnt mit wenigen Fotos und Schreibmaschinenseiten. Die berichten sehr trocken und (mein Eindruck) eher pflichtgemäß davon, wie die ersten Gernsheimerinnen und Gernsheimer 1938 als Juden das Vertriebenenschicksal erlitten - am eindringlichsten das kleine Foto der 15jährigen Hildegard Hahn - wie sie hießen und wo sie zuletzt wohnten. Zuletzt, denn die meisten dieser Vertriebenen und Verschleppten kamen nirgendwo an und kehrten nie wieder. Die "unbedarfte" Lehre aus der 3. Etage über das 3. Reich: Polen und Tschechen taten Millionen von Deutschen schlimmes Unrecht an. In Gernsheim haben mehrere jüdische Familien gelebt, das Kaufhaus Helu hat gebrannt, und ein Brief aus der Emigration belegt, dass ein Beamter in der Nachkriegsbehörde "kein Böser" war.
Da künden noch papierene Dokumente in 50 cm Vitrinenlänge vom Widerstand zweier aufrechter Gernsheimer Geistlicher. Leider auch keine musealen Hingucker, um junge Besucher des Typs "Mediakid" zu erreichen. Das ist dann schon eher das phantasievoll eingerichtete Feuerwehrmuseum. Ein verdienstvoller Gernsheimer Verein, einer mit ungebrochenen Traditionslinie! Ich bewunderte die einzigartigen, beredten Exponate und zolle den ehrenamtlichen Ausstellungsgestaltern Anerkennung, aber - zählte 24 Hakenkreuze. Auf Koppelschlössern, Uniformjacken, Schulterstücken, Broschüren, Fotos, Papierdokumenten. Unkommentiert und unreflektiert, leider. Der / die neugierige Jugendliche lernt: In Deutschland gab es ein reges, gemeinnütziges Vereinsleben, wie gut und schön, sogar in der braunen Ära. Aber so war es NICHT.

Und schließlich will ich konkret und kurz die Geschichte bisheriger Aktivitäten darlegen. Mein Initial war der Auftrag des Magistrats im Jahre 2005, für das neue Heimatbuch das Kapitel "Gernsheim im Dritten Reich" zu verfassen. Etwas blauäugig nahm ich an, stützte mich auf die vorhandenen Quellen, die jedoch bald versiegten. Um mehr zu finden als das bereits in den vorher erschienenden Heimatbüchern veröffentlichte, musste ich vor Allem mit Zeitzeugen sprechen und ins Archiv gucken. Die Bereitschaft zur Kooperation war auffallend dezent. Das Ergebnis konnte nur ein vorläufiges sein. Eine reicher Fundus ist die von Schülern des damaligen Gernsheimer Lehrers Helmut Ulrich angefertigte Dokumentation, aus der immer wieder und inzwischen auch von Profi-Historikern zitiert wird. Darüber wie sie 1960 entstand sprach ich mit damaligen Projektteilnehmern und mit einem engen Freund und Kollegen des (inzwischen leider verstorbenen) Helmut Ulrich. Ein Mikrokosmos von Beziehungsgeflechten tat sich auf, den ich als Wahl-Gernsheimerin vorher nicht kannte. Gernsheim ist etwas Besonderes: Die traditionell und mehrheitlich dem katholischen Glauben anhängende Bevölkerung tradiert eine konservative Werthaltung, die zu akzeptieren ist. Vor der Machtergreifung der Nazis votierten die Gernsheimer Wählerinnen und Wähler aus wahrscheinlich diesem Grunde NICHT für die NSDAP, sondern mehrheitlich für die bürgerliche Zentrumspartei, eine christliche demokratische Kraft innerhalb der Weimarer Republik. Eine rühmliche Ausnahme im Kreis Groß Gerau. Aber um 1968 war der Wind der Erneuerung hier vermutlich auch etwas schwächer als in weniger konservativ geprägten Kommunen. So die Interpretation des heute 82jährigen Lehrers Friedrich Werner. Die Schüler der 9a von Helmut Ullrich waren vom Widerspruchsgeist ergriffen, der in der Luft hing, so erzählte Herr Werner.
Wir haben mit dieser Besonderheit Gernsheims respektvoll umzugehen und wollen gleichzeitig dem Andenken der zu unrecht Verfolgten gerecht werden. Mit einzelnen Aktionen ging es los: Zu Gelegenheiten wie dem 27. Januar 2006 haben Initiatoren von Memor eine Mahnwache vor den ehemals von jüdischen Familien bewohnten Häusern gehalten, am 9. November 2007 gab es ein mitreißendes Konzert des jüdischen Sängers Dani Bober in der evangelischen Kirche in der Zwingenberger Straße, des weiteren sollte eine Sonderausstellung über den Widerstand gegen die Nazis in Gernsheim künden. Hier stand jedoch der Status von Memor als lose, private Vereinigung und der Beschluss des Magistrates über die Nutzung des Schöfferhauses entgegen. Die emotional geführten tagesaktuellen Streitpunkte zwischen den der im Stadtparlament vertretenen Parteien mögen ein Übriges bewirkt haben, dass ein parteiübergreifender demokratischer Konsens in puncto "memor im Schöfferhaus" bisher nicht zustande kam. Das gilt leider auch für die Kooperation mit dem Vorstand des Kunst- und kulturhistorischen Vereins der Schöfferstadt Gernsheim.
Daraus ergibt sich ein pragmatischer Grund, dass wir den Status eines eingetragenen, überparteilichen Vereins gewinnen. Wir sollten so viel wie möglich Kooperationen pflegen und möglichst alle demokratische Gruppierungen in die Mitarbeit einbeziehen.
Inhaltlich gibt es viel zu bearbeiten. Das kann der Gegenstand einer ersten Aussprache im Vorstand werden.
Ich schließe das Plädoyer für die Vereinsgründung mit dem optimistischen Ausblick auf eine Chance: Wir haben zwar nicht mehr viele unmittelbare Zeitzeugen wie sie die Schüler von Helmut Ulrich noch vorfanden, und werden deshalb auf Sekundärquellen angewiesen sein. Das ist schmerzlich. Aber die Botschaften von Verantwortung und Erinnerungspflicht treffen bei den heutigen Jugendlichen erstmals auf Adressaten, die durch eigenes Erleben emotional nicht vorbelastet sind wie es die Flakhelfer- und die 68er und auch deren Nachkommen noch waren. Wir können deshalb ihnen einen unbefangenen, aber dennoch leidenschaftlich motivierten Zugang zum schwierigen Thema ermöglichen. Ich bin überzeugt, dass dies eine lohnende Aufgabe für den zukünftigen Verein sein kann. Unter anderem.



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